Wie alles begann...
friedenscamp 2009 in sarajevo„einfach immer on word!“ „Ich finde das total beeindruckend, dass ihr - als katholische Kirche - einen solchen Friedensweg geht und Menschen auf dem Balkan helft, einen wuerdigen Lebensabend in ihren eigenen Wohnungen zu verleben!“ hoere ich noch Buergermeister Hupe bei unserer Abfahrt sagen. Kurz vorher hatte ein Jugendlicher mir gesagt: „Kirche finde ich normalerweise 'blöd'! Sie ist immer so steif und weit weg von mir, irgendwie fremd und uncool. Aber so ein Camp, das will ich auf jeden Fall mal miterleben.“ Unsere Fahrt begann. Unerwartet brauchten wir dieses Mal aufgrund vieler Staus 25 Stunden bis Sarajevo.. Verschenktes Leben. Und das ging so weiter. Jetzt - am Ende des Camps - haben wir 20 Wohnungen von alten Menschen renoviert und in einer Kunstgruppe das Logo des Jugendhauses Johannes Paul II. kreativ verarbeitet. Unzaehlige Kilometer und Besuche in Maler- und Sanitaergeschaeften, in Baumaerkten und auf Wochen-Maerkten liegen hinter uns. Verschenktes Leben, Tag fuer Tag neu. Und alles gepraegt vom Tagesevangelium. Morgen fuer Morgen hatten wir das jeweils anstehende Evangelium gelesen und waren mit einem kurzen Motto in den Tag gestartet: 'Immer als erster lieben!' – 'Nicht ich – sondern DU!' – 'Neu sehen lernen!' Dieses Motto half uns, dem Lebenstil Jesu auf die Spur zu kommen und auf unsere innere Stimme zu hoeren. Und abends bestand die Einladung, in einer kleinen Austauschrunde ueber die Erfahrungen des Tages ins Gespraech zu kommen. Mehr und mehr entdeckten einzelne, wie ER in ihrem persoenlichen Leben gegenwaertig ist und gehoert werden kann. In der Messe zum Tagesabschluss gab es fuer jeden die Moeglichkeit, nochmals DANKE zu sagen (eucharistein) und den Tag in Jesu Haende zurueck zu legen. |
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Weihnachten 1995: Der Mainzer Bischof Lehmann fragt in seiner Weihnachtspredigt, ob nicht "Sarajevo" eine Herausforderung für deutsche Jugendliche sein könnte. Das Team des Jugendhauses Hardehausen entschließt sich mit Jugendlichen zusammen in Bosnien zu helfen - der Startschuß für eine bis heute andauernde enge Beziehung nach Sarajevo.
Von der Geschichte dieser Freundschaft berichtet Meinolf Wacker vom Jugendhaus Hardehausen.
"ich geb' dir, was ich habe,
für mich allein brauch ich es nicht,
nimm dir doch von meinen broten,
teile sie für mich.
hier sind meine hände,
gebrauch' sie, damit dann
endlich heute mitten unter uns
ein wunder geschehen kann"
(Liedstrophe von Gen Verde)
Im Juni 1991 bricht auf dem Balkan Krieg aus. Er tobt mit einer Grausamkeit, die für das "zivilisierte Europa" am Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr möglich schien. Bilder unfassbarer Gräueltaten gehen um die Welt. Vier ein halb Jahre später, am 16.Dezember 1995, unterzeichnen die Konfliktparteien des Balkan in Paris den Vertrag von Dayton. In der Folgezeit herrscht ein leicht zerbrechlicher Waffenstillstand. Es bleiben systematisch zerstörte Ortschaften und verminte Häuser und Landstriche, über eine halbe Millionen Flüchtlinge und 100 000sende von Toten, zerstörte Lebensträume und der nackte Kampf ums Überleben... Wie soll es weitergehen?
"ich geb' dir, was ich habe"
Deutschland gab während der Kriegszeit über 300 000 Flüchtlingen Zuflucht. Erste Konvois humanitärer Hilfe waren schon früh in die blutenden Länder unterwegs. Aber trotz aller Hilfe blieb das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Was konnten wir tun?
Morgen für Morgen feiern wir im Jugendhaus Hardehausen Eucharistie. Oft bewegten uns die Bilder aus den Tagesthemen vom Vortag. Sarajevo und Mostar, Vucovar und Tuzla. Immer wieder fielen die Namen dieser Städte. Wir beteten für die leidenden Menschen dieser Orte, oft selber bis zu Tränen gerührt. Vor einem großen Holzkreuz brannten Kerzen zur Erinnerung an das Leiden der unzähligen Menschen auf dem Balkan.
"für mich allein brauch ich es nicht"
Wir sprachen häufig untereinander und mit Jugendlichen über das, was geschah und hielten einander unser Machtlosigkeit hin. In vielen war der Wunsch lebendig, mehr zu tun, als nur Spenden zu sammeln. Auch in uns die Frage: Wie soll es weitergehen?
Weihnachten 1995 stellt Bischof Dr. Karl Lehmann im Mainzer Dom die Frage, ob nicht der Wiederaufbau von Bosnien-Herzegowina eine Herausforderung für deutsche Jugendarbeit sein könne. Die deutsche Tagespresse bringt diesen Gedanken in ihren nachweihnachtlichen Ausgaben. Diese Frage trifft und läßt nicht mehr los. Im Team des Jugendhauses fällt schnell die Entscheidung, Wiederaufbauarbeit im zerstörten Bosnien als Begegnungs- und Lernfeld für Jugendliche anzubieten. Wir erzählen von dieser Idee. Sie geht wie ein Lauffeuer um. Viele Jugendliche melden sich und bekunden ihr Interesse. "Wenn ihr das macht, sind wir dabei!" Eine junge Frau ruft an: "Ich bin arbeitslos. Ich hab' eine Werkzeugmechaniker-Lehre gemacht. Ich konnte die ganzen Jahre des Krieges nichts machen. Ich hab' viel gelitten mit den Menschen in Bosnien. Kann ich mit?"
"nimm dir doch von meinen broten, teile sie für mich"
Die Idee konkretisiert sich. Ein Friedenskindergarten in einem der zerstörten Dörfer Nordbosniens soll entstehen. Viele bringen ihre "brote". Möbel und Kühlschränke, Werkzeuge und Baumaterial, Traktoren und LKW's werden uns geschenkt. Kinder bringen ihre Stofftiere, eine alte Frau gibt alle Maschinen ihrer Schreinerei. Ein Kreislauf der Liebe setzt ein. Im Teilen der vielen einzelnen teilt sich ein Anderer mit. Auf dem Boden dieser Erfahrungen wächst eine neue Offenheit für einzelne Worte des Evangeliums, die wir in Form eines kurzen Impulses über jeden Tag stellen. Ein neues Netz entsteht. Viele Briefe erreichen uns: "Wir werden für euch beten, Tag für Tag." Ganze Ordensfamilien geben uns dieses Versprechen. In der abendlichen Eucharistie in der Hitze und im Staub des Friedenscamps erleben wir diese Verbundenheit besonders. Ein bosnischer Jugendlicher, der mehrmals an der Abendmesse teilgenommen hatte, vertraut mir an: "Mit euch verstehe ich die Messe. Ihr feiert hier, was ihr tagsüber gelebt habt."
"hier sind meine hände, gebrauch sie"
Über 180 junge Leute fahren in den Jahren 1996-2002 mit nach Bosnien. Sie arbeiten auf Baustellen hilfsbedürftiger alter Leute, beim Bau des Kindergartens. Sie kümmern sich um die Kinder eines Dorfes und veranstalten Kindernachmittage. Sie bieten Sport für die Jugendlichen an und besuchen die Alten des Dorfes. Sie schaffen Kunstobjekte für bosnische Dörfer. Sie bereiten jährliche Friedenskonzerte vor, die von bis zu 1500 Menschen besucht werden. Sie richten eine homepage ein, veranstalten Benefizkonzerte und Schüler-Infoveranstaltungen... Von der Vision "für den Frieden zu leben" beseelt - das Motto des Friedensweges lautete "Hände für en Frieden - dem Frieden Hände geben" - wächst bei vielen ungeahnte Kreativität und Ausdauer. Der Weg geht weiter. Im Jahr 2000 geht eine Gruppe erneut nach Vidovice in Nordbosnien, eine zweite Gruppe mit über 50 jungen Leuten aus 5 Nationen arbeitet in Sarajevo. Dieser Weg schreibt sich auch in den Jahren 2001 und 2002 fort.
Die junge Werkzeugmechanikerin kommt immer wieder in unser Haus. In mühevoller Kleinarbeit arbeitet sie vor dem ersten Friedenscamp einen alten Trecker wieder auf. Alle Maschinen der Schreinerei möbelt sie auf. Beim Mittagessen treffe ich sie häufiger. Ich spüre ihre Freude.
"damit dann endlich heute mitten unter uns ein wunder geschehen kann"
Verstehen wir Wunder als für uns Menschen sinnenfälligen Durchbruch göttlichen Lebens, dann sind wir reich beschenkt worden. Nach sieben Jahren dieses bosnischen Friedensweges sind unsere Brotkörbe voll von Erfahrungen dieses neuen Lebens. Einige der eingesammelten Brotkrumen aus den Körben seien abschließend noch benannt. Es sind Krumen aus dem "persönlichen", dem "politischen" und dem "pädagogischen" Korb.
"persönlich"
Mehr als 40 junge Leute haben sich nach den Friedenscamps entschieden, eine Zeit zwischen 6 und 18 Monaten ihres Lebens für ein soziales Engagement im Ausland zu verschenken. Jahr für Jahr sind kleinere Gruppen der Jugendlichen auf Eigeninitiative im Herbst und Frühjahr nochmals in das Dorf gefahren, um beim Weiterbau der einzelnen Objekte zu helfen.
In mehreren jungen Leuten ist die Frage nach einer geistlichen Berufung in der Zeit des gemeinsamen Lebens und Tuns aufgebrochen. Stellvertretend für mehrere steht die Aussage eines Mädchens: "Ich wusste gar nicht, wie spannend das Leben für die ist, die sich ganz konkret auf das Evangelium einlassen."
"politisch"
Die Friedenswege sind im Laufe der Jahre internationaler geworden. Jugendliche aus Liechtenstein, Brasilien, Belgien,Tschechien und Korea waren ein oder mehrmals mit auf dem Weg.
Kontakte zu über 15 Bischöfen und mehreren Bundes- und Landtagsmitgliedern sind gewachsen. Über 500 Adressen erhalten die Rundbriefe des bosnischen Friedensweges.
Vom Deutschen Bundestag ist dem Friedensweg der Förderpreis "Demokratie leben" im Dezember 1999 verliehen worden. Hans Koschnik hat uns ermutigt weiter zu gehen.
Die Lokal-Presse und der Lokal-Rundfunk ist seit Beginn des Weges sehr interessiert mitgegangen.
Eine junge Frau aus Sarajevo war für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Jugendhaus Hardehausen, zwei junge Leute unseres Landes haben für ein halbes Jahr in Sarajevo mit gelebt, als Erzieherin in einem Kindergarten und als Theologie-Student an der dortigen Fakultät.
"pädagogisch"
Der Wiederaufbau des Kindergartens wird mittlerweile eigenverantwortlich von einer Gruppe der Jugendlichen weiterverfolgt. Es haben mehrere Gegenbesuche zur gemeinsamen Feier der "Kar- und Ostertage" in unserem Jugendhaus stattgefunden. In der Schulendtagsarbeit des Jugendhauses sind viele Bosnienprojekte veranstaltet worden.
Fernab eines virtuellen Planspiels haben uns die Erfahrungen des Friedensweges aufgewiesen, dass solche not-wendenden Projekte hohe Befriedigung schenken und tiefgreifende Reifeschritte ermöglichen. Eine Mutter formulierte: "Was habt ihr mit meinem Sohn gemacht. Er ist völlig verändert. Er ist in 2 Wochen um 5 Jahre gereift." Mehrere Jugendliche haben sich für interkulturelle Studiengänge entschieden, Diplom- und Promotions-Arbeiten sind geschrieben worden.
Und unser gemeinsamer Traum?
Im Jahr 2002 haben wir mit Jugendlichen aus 5 verschiedenen Nationen einer Flüchtlings-Familie bei Sarajevo ein kleines Haus gekauft und renoviert. Mittlerweile ist jedoch die Familie der Jugendlichen in Sarajevo, die Tag für Tag an einem kleinen Impuls des Evangeliums orientiert, ihr Leben zu gestalten versuchen gewachsen. Sie suchen für sich und andere einen Ort, an dem sie sich treffen können. Kardinal Puljic hat uns ermutigt weiterzugehen.
So träumen wir mit den deutschen Jugendlichen davon, in den nächsten Jahren ein Haus für diese jungen Leute in Sarajevo zu finden, zu kaufen und zu renovieren - ein Haus, das sie selber in ihre Verantwortung nehmen können, wo sie sich treffen, austauschen und ihr Leben weitergeben können. Für mich persönlich ist dieser bosnische Friedensweg zu einem Abenteuer auf den Spuren Jesu geworden. In vielen scheinbar ausweglosen Situationen kam mir immer wieder ein Wort des Evangeliums: "Mach dir keine Sorgen. Sorg du dich um mein Reich. Alles andere wirst du dazu bekommen!" Dieses Wort war und ist Halt auf dem Weg, den wir begonnen haben. Im Licht dieses Wortes haben wir den Mut weiterzugehen, denn wir haben erfahren: "Wenn Er unter uns ist, dann gibt es keine Nacht!"
Ende 1996 - nach unserer ersten Friedensweg-Erfahrung - erreichte mich ein Brief der jungen arbeitslosen Frau. Sie war vorher in großen seelischen Bedrängnissen gewesen. Zum Weihnachtsfest schrieb sie: "Danke für das Jahr. Danke für die Zeit in Bosnien. Für mich war es eine wichtige Erfahrung, vielleicht die wichtigste meines Lebens. Denn ich habe mich neu für das Leben entschieden!"
